In Finnland lief letzte Woche ein Schüler Amok. Er erschoss acht Menschen und sich selbst. Seine Schreckenstat hatte er im Internet angekündigt. Die ältere Generation, von den Lehrern bis zu den Eltern, hat das nicht gelesen. Wie sollten sie auch? Die Warnzeichen in der virtuellen Medienlandschaft waren jenseits ihrer Wahrnehmungsschwelle.
Wir leben in unterschiedlichen Welten. Nicht geographisch, weil Fernreisen kein Ausnahmefall mehr sind. Massenmedien liefern uns zudem scheinbar alles von Wladiwostok bis zum Popocatepetl ins Wohnzimmer. Doch in Wirklichkeit sind junge und alte Menschen medial weiter denn je voneinander entfernt. Für Österreich klingt das paradox, weil wir eines der Länder mit der größten Medienkonzentration sind. Das bedeutet, weniger freundlich formuliert, dass die Presse- und somit Meinungsvielfalt in der Alpenrepublik gering ist.
Trotzdem ist auch bei uns jedwede Statistik über Mediennutzung von einer enormen Alterskluft geprägt. Fast zwei Drittel der unter 20-Jährigen waren gestern im Internet. Hingegen sind nur zehn Prozent aller Websurfer über 60 Jahre. Selbst die Schnittmenge der beiden Gruppen trifft sich kaum, weil sie Netzseiten aufrufen, die abweichender nicht sein könnten.
Gedruckte Zeitungen sind gut beraten, das Alter ihrer Abonnenten nicht zu verraten. Weniger aus Datenschutzgründen, sondern weil sie das Image eines Seniorenklubs vermeiden müssen. Obwohl ein buntes Wochenblatt kürzlich darüber schrieb, wissen wahrscheinlich wenige Online-Leser der „Salzburger Nachrichten“, was Emos sind und diese im Cyberspace treiben. Unsere Kinder oder Enkelkinder könnten es erklären, wenn wir nicht gerade ungestört Fernsehnachrichten schauen wollen. Da sind nämlich wiederum Oldies unter sich.
Im ORF ist man stolz, dass das Zeit-im-Bild-Publikum jünger wurde. Zeit im Bild 1 und 2 werden im Durchschnitt nicht mehr von über 60-jährigen, sondern von Hochfünfzigern verfolgt. Bei der ZiB24 um Mitternacht hat man die magische 50er-Grenze unterschritten. Für einen Teenager sind das Zahlen zwischen Gruft und Geisterbahn.
International ist der Altersschnitt genauso. Wer es nicht glaubt, soll in den USA die Fernsehwerbung rund um Nachrichtenblöcke verfolgen. Werbefritzen arbeiten knallhart zielorientiert und nach Marktstudien. Angesichts deren werden Zahnersatz und Inkontinenzmittel für 70-plus-Seher angepriesen, weil solche vor dem Bildschirm sitzen und nachweislich niemand sonst.
Ganz abgesehen von der finnischen Dramatik am Artikelanfang muss man sich die Folgen vorstellen. Da reden gut meinende Menschen zum Beispiel über Politik, ohne zu wissen, ob und was der jeweils andere darüber erfährt.
Mehr als 90 Prozent der Lehrer für Politische Bildung haben orf.at als Quelle, jedoch nur ein verschwindender Bruchteil ihrer Schüler. Umgekehrt wissen politische Bildner oft bloß, dass manches richtig oder falsch ist, nicht jedoch, wo aus dem Internet entsprechende Ansichten der Jugend herkommen. Statt des Lebens in Parallelwelten wäre ein Generationendialog im Internet dringend notwendig.
Das Leben in medialen Parallelwelten
12. November 2007 | 09:13 | | Link | Kommentare (0)
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Peter Filzmaier ist einer der renommiertesten Politikwissenschafter des Landes. Er ist Professor und Leiter des Departements für Politische Kommunikation an der Donau-Universität Krems.