Mit Charme und Intellekt führt Gregor Woschnagg in der Brüsseler Diplomaten-Szene Regie. Die EU-Präsidentschaft könnte sein Meisterstück werden.
Das war selbst dem durchtrainierten Marathonläufer Gregor Woschnagg zu viel. Als vergangenen Samstag um drei Uhr früh der Bundeskanzler im zweiten Stock des Brüsseler Ratsgebäudes vor Journalisten das Ergebnis der EU-Finanzverhandlungen referierte, versank der Botschafter in seinem Sessel und nickte ein. Er blieb nicht der Einzige. Kein Wunder.
Seit Donnerstag hatte Österreichs Ständiger Vertreter bei der Europäischen Union, so sein offizieller Titel, mit wenigen Unterbrechungen den Verhandlungskrimi hautnah erlebt und wie gewohnt im Hintergrund die Fäden gezogen. Auch ist er nicht mehr der Jüngste, was ihm freilich niemand ansieht. Am 23. August ist er 66 Jahre alt geworden.
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Andere wollen sich durch politische Großtaten profilieren, wenn sie am Steuer der EU sitzen. Österreich setzt hingegen auf perfekte Dienstleistung.
Ursula Plassnik dämpfte "die Welle der Erwartungen" mit einer Anspielung auf sich selbst. Eine ehemalige Kommilitonin am Europa-Kolleg in Brügge, erzählte sie am Montag in Brüssel, habe sie angesichts ihrer herausragenden Erscheinung einmal so beschrieben: "Sie hat den Kopf in den Wolken, aber die Füße auf dem Boden." Man solle von ihr als künftige Vorsitzende des EU-Ministerrats also keine Zauberkunststücke erwarten, sondern sich auf Realismus einstellen. Nach "einem Jahr der Dürre" (Verfassung gekippt, Finanzen gerade noch über die Bühne gebracht) sehe sie die österreichische EU-Präsidentschaft ab 1. Jänner 2006 nicht in der Rolle eines "europäischen Kreativdirektors" sondern als "Dienstleister an der EU".
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EU-Gipfel finden prinzipiell hinter verschlossenen Türen statt. Nur ein ausgewähltes Völkchen darf live dabei sein, wenn die 25 Staats- und Regierungschefs im fünften Stock des Ratsgebäudes von Brüssel zusammensitzen und über die Zukunft Europas entscheiden. In der Regel hat jeder Politiker zwei Begleiter, die ihm während der Sitzungen direkt zur Seite stehen. Das sind der EU-Botschafter und der so genannte "Antici", das diplomatische Bindeglied zur Außenwelt.
Als Namensgeber fungierte der ehemalige Botschafter Paolo Massimo Antici, der 1975 unter italienischer EU-Präsidentschaft diese Form des politisch geschulten Laufburschen erfand. Seither werden in Brüssel diese Leute "Antici" genannt. Für Österreich nimmt Michael Wimmer diesen Job wahr. Seine Aufgabe ist es, Kanzler Wolfgang Schüssel während der Sitzung mit Fachinformationen zu versorgen, Telefonate zu erledigen und den Kontakt zu den mitgereisten Experten zu halten, die in den österreichischen Delegationsräumen im siebten Stock auf ihren Einsatz warten.
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Das bisherige Verhältnis des offiziellen Österreich zur EU war stets von einer gewissen Verlogenheit geprägt. Ob es nun um die Rettung der Ökopunkte ging oder die Schließung des Kernkraftwerkes Temelin, die Verzögerung der Erweiterung um zehn neue Länder oder die Verhinderung der Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der Türkei: immer wieder wurden zu Hause hohe und falsche Erwartungen geweckt, die dann in Brüssel nicht erfüllt werden konnten.
Enttäuschung war die Folge. Das Gefühl machte sich breit, Österreich werde von der EU ständig übervorteilt. Auch die beste Schönrederei konnte daran nichts ändern. Das Land versank in einem hausgemachten EU-Stimmungstief, aus dem es bis heute nicht herausgekommen ist. Zuletzt sagten 70 Prozent der Bevölkerung, die Mitgliedschaft zu dieser Union bringe mehr Nachteile als Vorteile.
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