Stille Nächte? Strg-Alt und Aus!
Zunächst kann gesagt werden, dass es heuer leichter ist, weil alle Feiertage aufs Wochenende fallen. Daraus ergibt sich, dass unnötige Verlängerungen von Feierlichkeiten und Geschenkfluten (darf man das rund um diese Tage noch sagen seit vergangenem Jahr?) im Kreis so genannter Lieben nicht stattfinden müssen. Heuer lässt sich kurz und bündig erledigen, was sonst stille Tage zerreißt.
Im abendländischen Kulturkreis wuchs das Weihnachtsfest ja zum umständlichen Termingerangel. Und bitte, sagen der Papst und seine Gehilfen, die Kirche und den Glauben soll man auch nicht vergessen (verlieren kann man ihn schon). In den Kirchen wird in diesen Tagen nicht nur Erbarmen erfleht und die Ankunft beweihräuchert. Da gibt es an solch festlichen Tagen auch große Kunst zu hören, weil schöne Messen von Schubert bis Mozart (Dieser Name taucht hier in den nächsten 373 Tagen nicht mehr auf. Versprochen!) die Hochämter auflockern. Aber wann denn bitte? Und bei dem Schnee vors Haus gehen?
Da schweift der Blick zwischen der Sternenlichterkette im Küchenfenster neidisch in den Osten. Nicht in den Nahen und Mittleren, wo Weihnachten in dem Sinn nicht so bombig stattfindet wie bei uns. Nein, ganz an den Rand der Welt geht der Blick. Aus den vielen Meldungen über Weihnachtsbräuche ragt eine Mode aus Japan heraus. Per Mausklick wird dort der Flachbildschirm (heuer unter den beliebtesten Geschenken in Österreich) angeworfen. Dann fährt blinkend ein Christbaum ins Bild. Besinnlich tröpfeln Klingeltöne aus dem PC. Zimmerbrand ist unbekannt. Und wer Sushi liebt, weiß, wie wunderbar Essen ohne jede Geruchsbelästigung (z. B. Lebkuchen oder Heißgetränke) schmeckt.
Und wenn's dann genug ist, gibt es keine besinnlichen Verabschiedungen und keine leichtgläubigen Versprechen, also auch keine Kerzenschein-Lügen. Es gibt eine einfache Tastenkombination: Strg-Alt-Entfernen. Und aus.
Und nächstes Jahr kommt alle Jahre wieder. Dann kann das Programm wieder hochgefahren werden. Erholsame, friedvolle und nachdenkliche Tage bis dahin - und: "Kiyoshi konoyoru, hoshi wa hikari." Da tränen die Augen, während im Geist ein japanischer Kinderchor auftaucht. Dessen Mitglieder haben von Oberndorf, Heiligabend 1818, nie was gehört. Aber sie klingen genau so rührselig wie die ewigen Erinnerungen an diese Nacht.
Bernhard Flieher
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